Die Ukraine hat Russland mit dem „schlimmsten Sommer seit Kriegsbeginn“ gedroht. Der Berater des ukrainischen Verteidigungsministers, Serhij Sternenko, sagte im Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender Suspilne, die ukrainischen Luftangriffe auf russisches Territorium würden sich deutlich intensivieren. Die Zahl der Drohnenangriffe werde kontinuierlich erhöht, und die Ukraine setze inzwischen auch eigene Raketen ein. Der Trend zeige nach oben, bis zum Jahresende rechnet Sternenko mit weiteren Fortschritten.
Als Schlüssel der ukrainischen Kriegsführung bezeichnete Sternenko den massiven Ausbau der Drohnenproduktion. Moderne Systeme könnten russische Nachschubwege angreifen, bewegliche Ziele in Echtzeit verfolgen und in vielen Fällen teure Raketen ersetzen. Selbst weit entfernte Ziele seien erreichbar. Als Beispiel nannte er Angriffe auf die Raffinerie im russischen Omsk sowie zerstörte Brücken in den besetzten Gebieten der Ukraine. Kostengünstig produzierte Drohnen ermöglichten der Ukraine eine asymmetrische Antwort auf die militärische Überlegenheit Russlands.
Der ukrainische Generalstab bestätigte einen tödlichen Angriff auf eine Raffinerie in der russischen Region Samara an der Wolga. Gouverneur Wjatscheslaw Fedorischtschew teilte mit, ein Mann sei durch ukrainische Drohnenangriffe ums Leben gekommen. Drei Personen wurden verletzt, darunter ein Kind. Es gebe Schäden an Wohnhäusern und an einem Industrieobjekt. Das unabhängige Internetportal „Astra“ identifizierte die Anlage als Ölraffinerie in Sysran, wo mehrere große Brände zu sehen waren. Die Raffinerie mit einer Verarbeitungskapazität von 8,5 Millionen Tonnen gehört zum staatlichen Ölkonzern Rosneft und produziert Benzin, Diesel und Kerosin.
Die Ukraine hat die Raffinerie in Sysran bereits mehrfach attackiert. Ende Mai musste die Anlage nach einem Angriff ihre Arbeit einstellen. In Russland herrscht wegen der ständigen ukrainischen Angriffe auf die Ölverarbeitungskapazitäten inzwischen ein Treibstoffdefizit. Tankstellen geben Sprit nur noch in begrenzten Mengen aus, und Autofahrer müssen lange anstehen, um überhaupt noch Treibstoff zu bekommen. Neben der Raffinerie haben ukrainische Drohnen nach Angaben aus Kiew auch zehn weitere Öltanker und vier Fähren im Asowschen Meer getroffen.
Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warnte angesichts mehrerer schwerer russischer Luftangriffe in den vergangenen Tagen vor einer weiteren Eskalation des Ukraine-Kriegs durch Moskau. Er habe so etwas seit Kriegsbeginn noch nicht erlebt. „Die Angriffe mit russischen ballistischen Raketen sind schlimmer als je zuvor“, sagte er der Zeitung „Bild am Sonntag“. Innerhalb einer Woche hat das russische Militär Kiew dreimal schwer aus der Luft angegriffen. Dabei setzte es neben Drohnen auch Marschflugkörper und ballistische Raketen ein. Dutzende Menschen kamen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt. Die Einschläge haben viele Wohnhäuser in Kiew beschädigt oder ganz zerstört.
Bei einem russischen Raketenangriff gingen vor einigen Tagen nahe Kiew Munitionslager in die Luft. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte an, die verantwortlichen Beamten zu bestrafen. Es sei eindeutig verboten gewesen, Depots in der Stadt Wyschnewe anzulegen, „doch all diese Vorschriften wurden missachtet“, klagte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. Laut Selenskyj waren für den Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften Leiter zweier Staatsbetriebe verantwortlich. Gegen sie und andere Manager werde ermittelt.
Das russische Militär hatte in der Nacht zum 6. Juli einen massiven Angriff mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern auf die Ukraine gestartet. Ziel war neben Kiew auch die Stadt Wyschnewe unmittelbar westlich der ukrainischen Hauptstadt. Durch den Einschlag und die Folgeexplosionen kamen in Wyschnewe nach Behördenangaben neun Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Wegen der andauernden Explosionsgefahr mussten die Behörden Hunderte Anwohner evakuieren. Tagelang kämpften die Einsatzkräfte gegen die Flammen.
Die Ukraine hat nach eigenen Angaben in einer weiteren Nacht 21 russische Öltanker im Asowschen Meer mit Drohnen attackiert. Neben den Tankern hätten die Drohnen auch vier Schlepper, zwei Trockenfrachter und einen Schwimmbagger getroffen, teilte der Generalstab in Kiew mit. Das Ausmaß der Schäden werde noch geprüft. Es wäre die zahlenmäßig größte Attacke dieser Art seit Kriegsbeginn. Die ukrainische Führung setzt zunehmend auf Drohnen, um die russische Kriegslogistik zu stören und die militärische Überlegenheit Moskaus auszugleichen.
