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Zehn Jahre nach Nizza-Anschlag: Gedenken und offene Fragen

Mit 86 Lichtstrahlen gedenkt Nizza der Opfer des Terroranschlags auf der Promenade des Anglais. Zehn Jahre später bleiben viele Fragen offen, insbesondere zu möglichen Sicherheitsmängeln, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Zehn Jahre nach Nizza-Anschlag: Gedenken und offene Fragen
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Zehn Jahre nach dem verheerenden Terroranschlag auf der Strandpromenade von Nizza mit 86 Toten, darunter zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Berlin, bleibt die Aufarbeitung für viele Betroffene unvollendet. Während die Stadt mit einem dreitägigen Gedenkprogramm der Opfer gedenkt, ermittelt die Staatsanwaltschaft Marseille weiterhin gegen Verantwortliche in Nizza wegen des Vorwurfs mangelnder Sicherheitsvorkehrungen am Abend des 14. Juli 2016. Die Bilder des Anschlags, bei dem der Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge raste, haben sich tief in die Erinnerung der Überlebenden und Hinterbliebenen eingebrannt.

Stéphane Erbs, der seine Frau Rachel bei dem Anschlag verlor, schilderte dem Sender Radio France, wie die schrecklichen Szenen auch ein Jahrzehnt später immer wieder vor seinem inneren Auge ablaufen. Er selbst wurde verletzt, seine beiden damals sieben und zwölf Jahre alten Kinder traumatisiert. „Auch zehn Jahre später schließe ich abends die Augen und sehe die Szene wieder vor mir. Sie spielt sich immer wieder ab“, sagte er. Die Familie vermeide es, über das Thema zu sprechen, weil sie die Hoffnung aufgegeben habe, anderen das Erlebte verständlich zu machen. Auch Polizist Christophe Benedetto, der den ersten Notruf wegen des Amokfahrers absetzte und später in das Führerhaus des Lastwagens stieg, berichtete der Zeitung „Nice-Matin“ von anhaltenden Belastungen. „Alle Gesichter, denen ich an jenem Abend begegnet bin, haben sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt“, sagte er. Ein Jahrzehnt später kämen ihm immer noch „Bilder und Gerüche“ in den Sinn. Die übermäßige Wachsamkeit lasse ihn nicht los; selbst im Restaurant könne er sich nicht mit dem Rücken zur Tür setzen.

Der Anschlag ereignete sich am Abend des französischen Nationalfeiertags, als der Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel nach dem Feuerwerk auf der Flaniermeile Promenade des Anglais mit einem tonnenschweren Lastwagen in die Menschenmenge raste. 86 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt, darunter eine weitere Berliner Schülerin. Polizisten erschossen den Gewalttäter. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Tat für sich, obwohl die Ermittler keine direkte Verbindung zum IS feststellen konnten, aber Hinweise auf eine islamistische Radikalisierung des Täters fanden. Der Anschlag hinterließ eine tiefe Narbe in der Stadt und gilt als nationales Trauma für Frankreich.

Mit einem umfangreichen Gedenkprogramm erinnert Nizza in diesen Tagen an die Opfer. Eine große, geschwungene Aluminium-Skulptur namens „Engel der Bucht“ an der Strandpromenade ist den Getöteten gewidmet. Präsident Emmanuel Macron wird am Abend des Nationalfeiertags zu dem Gedenken in Nizza erwartet, ebenso wie der damalige Präsident François Hollande. Um 22.00 Uhr ist eine Drohnenshow geplant, und um 22.34 Uhr – dem Zeitpunkt des Anschlags – wird eine Lichtinstallation mit 86 Lichtstrahlen auf der Promenade erstrahlen, wie jedes Jahr am 14. Juli. In Berlin wird das offizielle Gedenken im September zu Beginn des neuen Schuljahres begangen, da der Jahrestag in die Schulferien fällt, erklärte Karen Beecken, die Leiterin der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule, von der die betroffene Lehrerin und die Schülerinnen stammten. Ein Lehrer sowie ehemalige Schülerinnen und Schüler, die bei der damaligen Oberstufenfahrt dabei waren, organisieren mit einem Geschichtskurs eine Podiumsdiskussion vor Schülerpublikum. Ein hellgrauer Stein an der Schule trägt die Inschrift: „Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben.“

Noch immer nicht ausgestanden ist in Nizza der Streit um die Frage, ob die Sicherheitsvorkehrungen angesichts der allgemeinen Terrordrohung in Frankreich ausreichend waren. Gleich nach der Tat kamen Vorwürfe auf, dass die Stadt nicht genug getan habe, um einen derart schweren Anschlag zu verhindern. Die damalige Leiterin der Videoüberwachung der Stadt, Polizeibeamtin Sandra Bertin, hält bis heute an ihrer Darstellung fest, das Pariser Innenministerium habe sie gleich nach dem Anschlag gedrängt, eine viel größere Polizeipräsenz zu dokumentieren, als tatsächlich Beamte zum Schutz eingesetzt waren. Vor wenigen Tagen wurde die inzwischen zur Leiterin der Stadtpolizei von Nizza aufgestiegene Beamtin in einem Gerichtsverfahren vom Vorwurf der falschen Anschuldigung freigesprochen. „Wie kann man sich vorstellen, dass man auf höchster staatlicher Ebene zu einem bestimmten Zeitpunkt versucht hat, die Realität zu verfälschen?“, sagte sie vor Gericht.

Seit gut zwei Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Marseille wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, Körperverletzung und Urkundenfälschung im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten am 14. Juli 2016 in Nizza. Im Fokus der Ermittlungen stehen der damalige Bürgermeister, sein Beigeordneter sowie der Präfekt und sein Beigeordneter. Vor wenigen Wochen durchsuchten Fahnder das Rathaus, die Präfektur und Räumlichkeiten der Stadtpolizei. Die Opfervereinigung „Promenade des Anges“ erklärte zum Start der Ermittlungen: „Wir hoffen, dass die Mängel, die wir belegen werden, anerkannt werden, dass es zu Anklagen und einem Prozess kommt, damit die Opfer Antworten auf ihre Fragen erhalten.“ Der Wunsch nach Aufklärung und Gerechtigkeit bleibt für viele Betroffene auch zehn Jahre nach dem Anschlag ungebrochen.

Autor

Politischer Korrespondent

Christoph Reichert berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.