Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche ist ein Mensch bei einem Einsatz der umstrittenen US-Einwanderungsbehörde ICE ums Leben gekommen. Der Vorfall ereignete sich am Montag in der Stadt Biddeford im Bundesstaat Maine. Nach Angaben von Hilfsorganisationen handelt es sich bei dem Opfer um einen 26-jährigen Kolumbianer. Die Generalstaatsanwaltschaft von Maine teilte mit, dass bei dem Einsatz ein Abschiebungsbescheid vollstreckt werden sollte.
Laut Behördenangaben versuchte der Verdächtige, mit einem Auto in Richtung eines ICE-Beamten zu fliehen. Daraufhin eröffnete der Beamte das Feuer und traf den Fahrer. Der Mann erlag noch am Ort des Geschehens seinen Verletzungen. Der ICE-Beamte wurde suspendiert, und die US-Bundespolizei FBI hat Ermittlungen eingeleitet. Ein Sprecher der Einwanderungsbehörde bestätigte die tödlichen Schüsse und erklärte, der Beamte habe „aus Sorge um die öffentliche Sicherheit“ gehandelt.
Der Augenzeuge Lucas Scott berichtete lokalen Medien, er habe mindestens vier Schüsse gehört, nachdem mehrere ICE-Beamte ein weißes Auto umstellt hätten. In sozialen Netzwerken kursierten Videoaufnahmen, die den Vorfall zeigen sollen. Zwei in Maine ansässige Hilfsorganisationen, die sich für die Rechte von Migranten einsetzen, identifizierten den Getöteten als 26-jährigen Kolumbianer, ohne seinen Namen zu nennen. Sie erklärten, er habe eine gültige Aufenthaltserlaubnis in den USA besessen.
Der Vorfall löste in Biddeford, einer Stadt mit rund 23.000 Einwohnern, umgehend Proteste aus. Dutzende Menschen gingen auf die Straße, schwenkten Schilder mit Aufschriften wie „ICE raus“ und „Mörder“. Bürgermeister Liam LaFountain forderte „klare Antworten“ von den Behörden. Die Kongressabgeordnete Chellie Pingree zeigte sich auf Facebook „zutiefst beunruhigt und wütend“ über die Berichte. Gouverneurin Janet Mills, eine Demokratin, äußerte sich „entsetzt“ und verwies auf unbestätigte Medienberichte, wonach der erschossene Mann gar nicht die eigentliche Zielperson des Einsatzes gewesen sei. Dies unterstreiche ihrer Ansicht nach „die rücksichtslose und planlose Art und Weise“, mit der ICE in den USA agiere.
Der Senator von Maine, Angus King, forderte eine „vollständige, transparente und offene Untersuchung“ des Vorfalls. Er erklärte unter Berufung auf das US-Heimatschutzministerium, dass gegen den Kolumbianer ein Haftbefehl wegen seines Aufenthaltstitels vorgelegen habe. Der Sprecher des Repräsentantenhauses von Maine, Ryan Fecteau, hatte den Schusswaffeneinsatz mit Todesfolge als einer der ersten bestätigt und auf Facebook mitgeteilt, dass ICE beteiligt gewesen sei.
Es handelt sich um den vierten Todesfall bei einem Einsatz von Bundesbehörden seit Jahresbeginn. Erst am vergangenen Dienstag hatte ein ICE-Mitarbeiter in Houston, Texas, bei einer Fahrzeugkontrolle einen Mexikaner niedergeschossen, der später im Krankenhaus starb. Im Januar waren in Minneapolis die US-Bürger Renee Good und Alex Pretti am Rande von Protesten gegen Abschieberazzien erschossen worden. Für den Tod der dreifachen Mutter Good wird ein ICE-Mitarbeiter verantwortlich gemacht, für den des Krankenpflegers Pretti ein Angehöriger des Grenzschutzes.
Das Heimatschutzministerium berief sich in den meisten Fällen auf „Notwehr“, obwohl Aussagen von Augenzeugen dem widersprechen. Die wiederholten Tötungen haben die Proteste gegen die Massenabschiebungen von Präsident Donald Trump und gegen ICE weiter angeheizt. Trump entließ vor diesem Hintergrund im März Heimatschutzministerin Kristi Noem. Ihr Nachfolger Markwayne Mullin hatte angekündigt, die ihm unterstellten Migrationsbehörden aus den Schlagzeilen bringen zu wollen. Die jüngsten Ereignisse in Maine zeigen jedoch, dass die Kontroversen um die Arbeit der Einwanderungsbehörde nicht abreißen.
