Ukrainische Streitkräfte haben in der Nacht zum Sonntag erneut strategische Ziele in Russland angegriffen. In Nowosemeikino im Südwesten des Landes trafen Drohnen ein Warenlager des Versandhändlers Wildberries. Aufnahmen in sozialen Netzwerken zeigten gewaltige Rauchschwaden und Flammen auf dem gesamten Gelände. Offizielle Angaben zu den Schäden lagen zunächst nicht vor. Es wäre bereits das elfte von 25 Warenlagern des Konzerns, das in den vergangenen Wochen durch ukrainische Angriffe zerstört worden ist. Mit einer Lagerfläche von 178.000 Quadratmetern wäre es zugleich das drittgrößte, das bislang getroffen wurde.
Der Versandhändler Wildberries gilt als «russisches Amazon» und gehört zu den wichtigsten Online-Händlern des Landes. In der Nacht wurde nach Angaben des ukrainischen Generalstabs außerdem eine Ölraffinerie in der Region Saratow angegriffen, die etwa 600 Kilometer von der Front in der Ukraine entfernt liegt. Bislang unbestätigten Berichten zufolge brach in der Anlage ein Brand aus. Die Raffinerie verarbeitet jährlich rund sieben Millionen Tonnen Rohöl und beliefert auch die russische Armee mit Treibstoff. Sie war bereits mehrfach Ziel von Angriffen.
Auch der russische Luftwaffenstützpunkt Engels II in der Region Saratow wurde nach Angaben des ukrainischen Generalstabs attackiert. Dort sind Langstreckenbomber stationiert, mit denen Russland wiederholt ukrainische Städte beschossen hat. Zu den Schäden auf dem Stützpunkt gab es zunächst keine Angaben. Die ukrainischen Streitkräfte haben in den vergangenen Wochen wiederholt Militär- und Wirtschaftsanlagen in Russland ins Visier genommen.
Unterdessen ist in Moskau die Zahl der Toten nach der Explosion vor dem Luxusrestaurant «Balzi Rossi» auf fünf gestiegen. Das berichteten mehrere russische Medien übereinstimmend. Sechs weitere Verletzte schweben demnach weiterhin in Lebensgefahr. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin bezeichnete die Explosion als Terroranschlag. «Die Täter werden mit Sicherheit gefunden und die verdiente Strafe erhalten», schrieb er auf seinem Telegram-Kanal. Das Nationale Antiterror-Komitee erklärte, bei drei der fünf Toten handele es sich um eine Frau, die verdächtigt wird, den Sprengsatz mitgebracht zu haben, um einen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, der sie nicht ins Lokal gelassen hatte, sowie um einen Gast.
Russische Militärblogger berichteten, in dem Restaurant habe ein General der Streitkräfte seinen 55. Geburtstag gefeiert. Genannt wird der Name Alexander Tschajko, der seit Mai die russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte kommandiert. Er soll dort auch seine Beförderung gefeiert haben. Unter den Gästen seien ranghohe Geheimdienstler, Beamte, Abgeordnete und Generäle gewesen. Tschajko war zuvor stellvertretender Generalstabschef und wurde vom Europäischen Rat wegen seiner Rolle beim Massaker in Butscha im Jahr 2022 mit Sanktionen belegt. Offizielle Bestätigungen für seine Anwesenheit gab es zunächst nicht.
Im Gegenzug hat Russland nach zahlreichen Angriffen auf Wildberries-Lager offenbar ein Logistikzentrum in der Ukraine attackiert. Nach Angaben ukrainischer Medien schlug am Samstag eine Drohne vom Typ Geran in einem Warenhaus des ukrainischen Versandhändlers Rozetka in der Region Kiew ein. Dabei wurde ein Arbeiter getötet, sieben weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Auf Telegram verbreitete Fotos zeigten Schäden am Gebäude und mehrere ausgebrannte Fahrzeuge des Unternehmens.
Im Schwarzen und im Asowschen Meer meldete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Angriffe auf russische Schiffe. Ein unter russischer Flagge fahrendes Schiff mit einer Ladekapazität von 100.000 Tonnen sei gesunken, schrieb er bei Telegram. Der staatliche russische Atomkonzern Rosatom bestätigte den Untergang. Das Schiff sei demnach mehr als 200 Kilometer vor Noworossijsk von zwei Drohnen angegriffen worden. Rosatom-Chef Alexej Lichatschow bezeichnete es als «ganz gewöhnliches, ziviles Containerschiff», das in internationalen Gewässern zivile Güter transportiert habe. Die 17 Besatzungsmitglieder seien von einem anderen Schiff und von Marinefliegern gerettet worden.
In der Ukraine sorgte unterdessen die Einberufung des Rappers Zipulya für Kritik. Der Musiker, bürgerlich Andriy Posysaev, teilte auf Instagram mit, dass er in die Armee einberufen worden sei. Sein Umfeld wirft den Behörden vor, die Mobilisierung sei illegal gewesen. In dem Beitrag heißt es, die militärische Medizinkommission habe ihn in fünf Minuten für diensttauglich erklärt. Er habe zuvor ein Internat für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen besucht, habe aber keinen Behindertenausweis oder eine Diagnose erhalten können. Zipulya ist im ukrainischen Internet vor allem durch seine Lieder «Nu nichego strashnogo, tyau-tyau-tyau» und «Rybaki vnizu lovyat okunya» bekannt geworden.
